Medien, Massenpanik und menschengemachte Epidemien

Wie man von Windschutzscheiben auf atomare Angriffe kommt.

Seattle im Frühling 1954: Ende März werden der Polizei seltsame Schäden an Windschutzscheiben gemeldet, zunächst in der Polizeistation Bellingham. Die Polizei geht da von Vandalismus aus, vermutlich Schrotflinten-Schüsse. Die Polizeimeldungen häufen sich in den nächsten Tagen quer über Seattle und es wird prompt reagiert: Straßensperren und weitläufige Kontrollen von Fahrzeugen und Passagieren.

Die Täter können nicht gefunden werden, und schlimmer noch: Die Serie reißt nicht ab. Nein, sie nimmt noch zu und das in großem Ausmaß: täglich werden es mehr Meldungen. Spätestens jetzt ist scheint klar: Es können keine Hooligans sein, etwas Größeres ist hier am Werk. Was um Himmels willen verursacht die seltsamen Schäden an den Windschutzscheiben der Autos – und das massenhaft?

Die Medien liefern prompt alle möglichen Hypothesen:

  • War es kosmische Strahlung?
  • Der neue Radiosender der US-Navy, der in der Nähe in Betrieb genommen worden ist?
  • Sandflöhe? (ja, einige Personen hatten berichtet, vorher eine Art Bläschen an den späteren Stellen der Dellen gesehen zu haben, also wurden Insekteneier vermutet)
  • Könnten die Schäden durch einen atomaren Angriff der Sowjets entstanden sein?

“Schauen Sie Officer, die Sowjets haben meine Windschutzscheibe attackiert!”

Die Meldungen häufen sich, der US-Präsident wird informiert

Mitte April 1954 sind es schon tausende Meldungen von geheimnisvollen Kratzern und Dellen in Windschutzscheiben.

Der Governeur des Bundesstaates Washington wird informiert, kurz danach auch US-Präsident Eisenhower höchstpersönlich – angesichts der drohenden Gefahr muss schließlich gehandelt werden. Was, wenn es tatsächlich ein Angriff ist?

 

Wie absurd, was die Menschen damals den Medien alles abgenommen haben…hm.

Genau überprüfen und in Relation setzen…eine gute Idee!

Die University of Washington nimmt sich der Sache an und stellt fest: es sind gar keine außergewöhnlichen Schäden. Und bei älteren Autos viel öfter zu finden als bei neuen Autos, was ja vollkommen naheliegend ist. Noch dazu immer nur auf der Windschutzscheibe – nie auf der Heckscheibe. Es wären nur ganz normale Kratzer oder Schäden, die immer im Verlaufe der Jahre auftreten. Jahr für Jahr, seit Jahren in der vergleichbarer Häufigkeit – nur dass nun die Menschen in ihrer Panik viel genauer auf ihre Windschutzscheiben geschaut hätten und sie dauernd überprüft hätten. Aus kleineren Kratzer wurden dann schnell gefährliche Dellen. Aber im Grunde: nichts außergewöhnliches, aufgrund der Berichterstattung war die Wahrnehmung war nur vollkommen verzerrt.

 


Wenn es um Panikmache geht: auf die Mainstream-Medien ist immer Verlass 🙂

Kaum ist die Angst weg, ist auch schon die Epidemie beendet

Und Sergeant Max Allison vom Seattle Police Kriminallabor stellt nach Prüfung der Schadensmeldungen kurz und prägnant fest: “5% Rowdies, 95% Massenhysterie“ („5 percent hoodlum-ism, and 95 percent public hysteria.“)

Als das bekannt wird enden am 17. April 1954 die Schadensmeldungen. Die Windschutzscheiben-Epidemie ist beendet. Ja, der Vorfall ging tatsächlich als „Windschutzscheiben-Epidemie“ von Seattle 1954 in die Geschichte ein („Seattle windshield pitting epidemic of 1954“ oder auch „windshield pitting mystery of 1954“).

Ich weiß auch nicht, warum mir die Geschichte jetzt wieder eingefallen ist.