Der IgG-Test oder “Hilfe, ich kann gar nichts mehr essen”

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Wenn es um Allergien und Unverträglichkeiten geht ist der IgG-Test nicht weit – kaum ein Testverfahren, das so kontrovers diskutiert wird. Die einen sehen darin eine Lösung des Rätsels, auf welches Essen man unverträglich reagiert und welches einem bestens bekommt. Die anderen sehen darin nur Zeitverschwendung und Geldmacherei. 

Immer mehr Labors bieten den durchaus kostspieligen Test an und versprechen Klarheit im Wirrwarr der Allergien und Unverträglichkeiten. Was ist also dran an dem Ganzen?

 

Was wird bei diesem Test gemessen?

Anhand einer Blutprobe können über den IgG-Test bis zu 300 verschiedene Nahrungsmittel und Zusatzstoffe auf Antikörperreaktionen (eben der IgG-Antikörper) geprüft werden. Versprochen wird dabei eine Auskunft über die bestehenden Unverträglichkeiten auf bestimmte Nahrungsmittel.

Die Ergebnisse werden zusätzlich in Stufen nach dem Ausmaß der Reaktion unterteilt, also ob man nur wenig, deutlich, stark oder sehr stark auf das entsprechende Nahrungsmittel mit Antikörpern der Klasse IgG reagiert. Empfohlen wird dann das Meiden jener Nahrungsmittel, die mit einer starken oder sehr starken Reaktion einhergehen.

Umstritten – zu Recht?

Es immer mehr Labors, die diesen Test anbieten und viele Heilpraktiker und Therapeuten schwören darauf. Vielen Patienten scheint die nach dem IgG-Test angepasste Diät tatsächlich zu helfen. Andere berichten von geringen Veränderungen, aber vielen Einschränkungen beim Essen. Gerade bei schon bestehenden Magen-Darm-Beschwerden kriegt man oft ein Ergebnis zurück, bei dem nur ganz wenige Nahrungsmittel als gut verträglich eingestuft werden. Viele Betroffene sind vom Ergebnis schlichtweg schockiert, weil kaum mehr etwas übrigbleibt, was sie essen können.

Kritiker sind von der Aussagekraft alles andere als begeistert. Der IgG-Test zeige lediglich an, ob man mit einem Lebensmittel Kontakt hatte, das heißt, ob sich der Körper mit einem bestimmten fremden Protein bereits auseinandergesetzt hat (und in welcher Menge, denn wenn eine Person viel Milch trinkt, muss sich er Körper logischerweise mit einer größeren Anzahl von Milchproteinen auseinandersetzen). Denn der Körper bildet bei Kontakt zu fremden Proteinen immer spezifische IgG-Antikörper, so der Tenor.

Zeigt der Test einfach nur an, womit wir Kontakt haben?

Egal was wir essen, wen wir küssen oder was wir einatmen – jedes fremde Protein wird von unserem Immunsystem untersucht und es werden Antikörper gebildet. So schneiden beispielsweise Imker bei dem IgG-Test im Bereich des Bienengifts entsprechend hoch ab: ihre IgG-Werte bei Bienengift sind erhöht, obwohl sie keinerlei Allergie haben. Sie werden nur klarerweise öfter von Bienen gestochen, als Programmierer oder Busfahrer. Wenn man also oft Weizen isst, wird man beim IgG-Test in der Kategorie Weizen nun mal stärker reagieren und der Test zeige einfach nur den üblichen Menüplan der Betroffenen an.

Dass viele Schulmediziner argwöhnisch auf alternative Methoden blicken, ist ja absolut nichts neues, vielleicht ist es also nur das übliche Alternativ-Bashing und der IgG-Test kann gar nichts dafür, dass er so schlecht gemacht wird? Leider nein.

Das wirklich Blöde beim IgG-Test

  1. Die Stärke der IgG-Antikörper-Reaktion steht in keinem Zusammenhang mit der Stärke der Symptome. Das heißt, auch wenn bei Fisolen beispielsweise eine sehr starke Reaktion im Test herauskommt, heißt das noch lange nicht, dass die Beschwerden auch stärker sind, als bei jemandem, der auf Fisolen nur leicht reagiert.(1)
  2. Im Falle einer echten Allergie des Sofort-Typs, bei der auch ein anaphylaktischer Schock drohen könnte, zeigt sich der IgG-Wert vollkommen unbeeindruckt. Man wiegt sich dann mitunter in falscher Sicherheit, dass man ruhig tonnenweise Erdnüsse essen kann, was einen nicht der Gesundheit näherbringt, sondern dem Ärzte-Team in der Notaufnahme.
  3. Die Aussagekraft des IgG-Tests ist nicht wirklich erwiesen. Natürlich gibt es eine Reihe von Studien die dies vorgeben, aber wenn man diese genauer unter die Lupe nimmt, fällt das Kartenhaus schnell in sich zusammen. So weisen beispielsweise Personen, die eine Unverträglichkeit haben, trotz erwiesener Beschwerden nach dem Verzehr bestimmter Nahrungsmittel in Untersuchungen oft gar keinen erhöhten IgG-Wert auf. (2) Eine andere Untersuchung aus Wien hat auch gezeigt, dass bei Personen mit Milcheiweiß-Unverträglichkeit, die nicht IgE-vermittelt war, der IgG Wert keine Aussagekraft hatte. (3)
  4. Wenn der allergie-spezifische IgE-Wert sinkt, steigt der IgG4-Wert – d.h. wenn man auf ein Nahrungsmittel weniger allergisch ist (schließlich dient der IgE-Wert dazu, die Sensibilisierung zu messen), kann der IgG-Wert also steigen.
  5. Schickt man von derselben Person verschiedene Proben zur IgG-Testung ein…erhält man mitunter völlig unterschiedliche Ergebnisse, was das Vertrauen nun nicht wirklich fördert. (4) Na gut, vielleicht war es ja Pech und nur das getestete Labor war halt schlampig…? Geben wir also auch den IgG-Fans etwas Platz.
 

Das sagen die IgG-Test-Fans

 

Um den Erfolg des IgG-Tests anzupreisen, weisen die Befürworter oft auf eine Studie hin, bei der für 150 Reizdarm-Patienten der IgG-Test durchgeführt wurde. (5) Dann wurden die Probanden in zwei Gruppen unterteilt.

Die erste Gruppe bekam spezifische Diätempfehlungen, die auf den Ergebnissen des Tests beruhten und sollte jene Nahrungsmittel meiden, die bei ihrem Labortest hohe IgG-Werte verursacht hatten.Die zweite Gruppe, die Kontrollgruppe, bekam zwar auch eine Diät verordnet, die aber unabhängig vom Testergebnis erstellt wurde. Das heißt, diese Personen sollten Nahrungsmittel weglassen, die mehr oder weniger nach Zufallsprinzip gestrichen wurden, die Diätempfehlungen waren geschwindelt.

Das Ergebnis: Die Versuchsgruppe, welche nach IgG-Testergebnis die “richtigen“ Nahrungsmittel weggelassen hatte, zeigte deutliche Verbesserungen ihres Leidens verglichen mit der Kontrollgruppe, welche die zufällig gewählten Lebensmittel gemieden hatte. Die große Verbesserung der Beschwerden wurde auf die Sinnhaftigkeit des IgG-Tests zurückgeführt.

Klingt ja toll, doch der Haken dabei: In der Versuchsgruppe mit den spezifischen Diätempfehlungen mussten fast 90% auf Hefe verzichten, in der Kontrollgruppe mit der Schwindel-Diät aber kein einziger Proband. Etwas seltsam, wenn man bedenkt, welchen negativen Einfluss der Verzehr von Hefe auf eine geschädigte Darmwand hat und dass durch das Weglassen von Hefe/Hefeextrakt meistens herkömmliches Brot und Gebäck (und somit einiges an Gluten) sowie sehr viele Fertig-Produkte wegfallen.

Außerdem mussten in der Gruppe der echten Diät die Hälfte der Personen auf Weizen und fast 90% auf Milch verzichten – für die Kontrollgruppe mit der Zufallsdiät war Weizen für nur 8% der Personen verboten und Milch für nur knapp über 1%. Dabei zählen Milch und Weizen (neben Eiern) zu den Top-Allergie-Nahrungsmitteln.
Es zeigt sich also, dass in der Kontrollgruppe mit der Schein-Diät die wichtigsten Darm-Übeltäter fast gänzlich erlaubt waren, denn gerade Gluten und Casein (Milcheiweiß) können dem Darm stark zusetzen. Kein Wunder also, dass der Unterschied in der Symptomatik dann so groß ausfiel. Von Zufallsdiät kann man leider in dem Zusammenhang nicht sprechen, wäre die Diät wirklich zufällig ausgesucht worden, hätten ja laut Wahrscheinlichkeitsrechnung viel mehr Personen Hefe, Weizen und Milch meiden müssen. Doch das hätte das Erfolgs-Ergebnis des IgG-Tests natürlich geschmälert.

 

Wozu braucht man eigentlich den IgG-Test?

Die Frage hier ist , inwiefern die oft angepriesene Verbesserung wirklich mit den Ergebnissen des IgG-Tests zusammenhängt – denn jede Umstellung des Nahrungsplans lässt uns bewusster darauf achten, was wir eigentlich essen. Bei den meisten Testpersonen finden sich nämlich Zucker, Hefe, Weizen und Milch auf der Verbotsliste (logischerweise, denn diese sind für die Darmflora sehr belastend).

Streicht man diese Lebensmittel vom Menüplan, fallen einfach schon mal alle Fertigprodukte mit diversen Zusatz- und Konservierungsstoffen weg. Man kann nicht allzu oft essen gehen und kocht vermutlich viel mehr selbst. Außerdem sind damit schon ein paar der Darm-Übeltäter gebannt. Denn wenn man Weizen meidet, fühlt man sich aus vielen anderen Gründen wohler (von Gluten zu Glyphosat), IgG-Test hin oder her.

Inwiefern die anderen Nahrungsmittel auf der Liste, die ja sich ja von Avocado über Marillen bis zu Zucchini erstrecken kann, überhaupt noch relevant sind, ist die Frage. Ein tatsächliches Problem bei diesem Test sind die vielen Kreuzreaktionen, das heißt es kommen oft viel mehr Lebensmittel in die „unverträglich“-Rubrik, zu der sie aber eigentlich nicht gehören, was einem den Speiseplan gehörig vermiesen kann, sollte man sich daran halten.

 

Priorität Darmbarriere

Dreh- und Angelpunkt bei Unverträglichkeiten ist aber sowieso ein Durcheinander bei den Darmbakterien sowie erhöhte Darmschleimhautdurchlässigkeit (“Leaky-gut-Syndrom“). Denn durch diese Lecks im Darm gelangen Nahrungsbestandteile in Teile des Körpers, wo sie nicht hingehören. Würden sie brav im Darm bleiben, dann wären sie kaum problematisch. Auch wenn man daran glaubt, dass der IgG-Test tatsächlich unverträgliche Nahrungsmittel von verträglichen unterscheiden kann: Wenn bei jemandem die Darmschleimhaut aufgrund von jahrelanger Fehlernährung oder durch Medikamente (allen voran Antibiotika) aber auch andere toxische Substanzen porös ist, dann kann der IgG-Test ellenlange Listen von “verbotenen“ Nahrungsmitteln hervorbringen. Denn genau genommen verdaut man aufgrund der Darmstörung sowieso kaum etwas richtig.

Denn die gestörte Darmbarriere kann aber viele Ursachen haben. Eine Diät macht nur dann Sinn, wenn man dem Geschehen auf den Grund gegangen ist – dann erholt sich der Darm natürlich schneller, als wenn man weiterhin jene Lebensmittel zu sich nimmt, die ihn belasten. Aber die Diät als alleinige Maßnahme ist oft sehr einschränkend und bringt oft nicht das gewünschte Ergebnis, wenn man die Ursache außer Acht lässt.

Eventuell reicht es auch, nur einige Nahrungsmittel der langen Liste wegzulassen um eine große Verbesserung des Zustands zu erreichen. Bei einer durchlässigen Darmwand machen die Proteine Gluten (beispielsweise aus Weizen) und Casein (aus Milchprodukten) immer Schwierigkeiten, weil sie leicht hindurchgelangen. Weiters sind Zucker und auch Hefe mit Vorsicht zu genießen, da sie die ungünstigen Darmbakterien sowie Pilze sprießen lassen.

Zu viele Verbote bedeuten zu viel Stress

Bei der Diät ist es also empfehlenswert, auf genau diese Lebensmittel zu verzichten, die den größten Tumult im Darm verursachen. Die bereits genannten Fisolen sind wahrscheinlich im Vergleich zum Zucker oder zu Gluten vollkommen unschuldig. Der IgG-Test verursacht durch die vielen Verbote in vielen Fällen viel mehr Stress als eigentlich notwendig wäre. Abgesehen davon, werden bei dem Test (verständlicherweise) sowieso meistens glutenhaltige Getreide, Milchprodukte, Hefe und Zucker als problematisch eingestuft. Diese könnte man mal ganz ohne Test weglassen/einschränken und einfach beobachten, wie es einem geht und nach und nach (wenn überhaupt) wieder einführen.

Berücksichtigt man die Logik des Darms, stellt sich natürlich die Frage, ob man die Kosten eines IgG-Tests überhaupt auf sich nehmen möchte. Denn viel Neues und Brauchbares erfährt man mitunter nicht. Und wenn man wissen möchte, ob das eigene Kind vielleicht nach dem Verzehr eines Pizza-Stücks einen anaphylaktischen Schock bekommen könnte oder nicht, dann ist dieses Verfahren sowieso ungeeignet. Leidet man an gesundheitlichen Problemen und vermutet eine Unverträglichkeit, so ist es vielleicht schlauer, die Darmdurchlässigkeit (intestinal permeability assessment) zu überprüfen bzw. den Zonulin-Level in Blut oder Stuhl zu checken.

Wie waren Eure Erfahrungen? Ich freue mich über Kommentare auf dem dazugehörigen Facebook-Beitrag.

Literatur

  1. Alterations of food antigen-specific serum immunoglobulins G and E antibodies in patients with irritable bowel syndrome and functional dyspepsia. al, Zuo XL et. 6, Juni 2007, Clinical & Experimental Allergy, Vol. 37.
  2. Markers of gut mucosal inflammation and cow’s milk specific immunoglobulins in non-IgE cow’s milk allergy. Merras-Salmio, L., Kolho, K.-L., Pelkonen, A. S., Kuitunen, M., Mäkelä, M. J., & Savilahti, E. 8, 2014, Clinical and Translational Allergy, Vol. 4.
  3. Patients suffering from non-IgE-mediated cow’s milk protein intolerance cannot be diagnoses based on IgG sublcass or IgA responses to milk allergens. H. Hochwallner, U. Schulsmeister, I. Swoboda et. al, Allergy 66 (2011) 1201-1207
  4. IgG Food Allergy Testing by ELISA/EIA. What Do They Really Tell Us? Miller, Sheryl B. Townsend Letter for Doctors and Patients, Vol. 174.
  5. Food elimination based on IgG antibodies in irritable bowel syndrome: a randomised control. al., Atkinson et. 10, 2004, Gut, Vol. 53.

 

 

 

 

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